Woher kommt die Kohle?

Norbert Häring über eine Studie des Prof. Richard Werner, die sich mit Geldschöpfung befasst. Eigentlich unvorstellbar, dass es einander widersprechende Theorien gibt über einen Vorgang, der seit Jahrhunderten andauernd praktiziert wird. Ich meine, es geht hierbei ja nicht um Quantenphysik, sondern um etwas, das Buchhalter machen!

http://norberthaering.de/de/27-german/news/377-geld-aus-dem-nichts#weiterlesen

„Vor allem zwei Theorien sind dort gängig: Erstens die Intermediationstheorie oder Loanable-Funds-Theorie, wonach Banken Sparergeld weitervermitteln – nicht anders, als es jeder Investmentfonds macht. Banken sind danach nichts Besonderes. Zweitens die Multiplikatortheorie, die noch die Lehrbücher dominiert. Danach vermehrt zwar nicht die einzelne Bank, wohl aber das Bankensystem insgesamt den Geldumlauf, indem Banken die Bareinlagen ihrer Kunden zum Großteil weiterverleihen und dabei die Einleger trotzdem weiter über die Guthaben verfügen dürfen. Fast alle Ökonomiestudenten haben diese Multiplikatortheorie gelernt.

….

Was bleibt, wenn die Intermediationstheorie und die Multiplikatortheorie abgewählt sind, ist die Geldschöpfungstheorie, also die „Spinner“-These, dass die Banken Geld aus dem Nichts schaffen.

Allmählich wirkt das auf die Lehrbücher durch. Ein Vorreiter unter den Etablierten ist der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der in die gerade erschienene vierte Auflage seines Ökonomie-Einführungslehrbuchs ein Kapitel zur „Geld- und Kreditschöpfung durch Banken“ eingefügt hat.

Diejenigen, die von der Bankengeldschöpfung sprechen, teilen sich grob in zwei Schulen ein. Da ist zum einen die „Moderne Monetäre Theorie“, kurz MMT, die von endogenem Geld spricht und dieses Geldsystem im Großen und Ganzen sehr nützlich findet. Zum anderen sind da Geldreformer, die meinen, Geldschöpfung unter Regie der Zentralbanken statt der Geschäftsbanken würde Kreditblasen und Finanzkrisen verhindern helfen. Eine gewisse Sonderstellung nimmt Richard Werner, Banking-Professor in Southampton ein. Er betont die Rolle der Kreditmenge für die Wirtschaftsentwicklung, wobei es aber sehr darauf ankomme, für welche Aktivität die Kredite vergeben werden, ob für Spekulation (Aktien, Immobilien), Investition oder Konsum. Er tritt für eine staatliche Kreditplafondierung zugunsten der Investitionskredite ein.

Als Richard Werner im August 2013 mit einem Kamerateam von der BBC in der kleinen niederbayerischen Raiffeisenbank von Wildenberg auflief, um einen Kredit über 200 000 Euro aufzunehmen, da galt weithin noch als versponnene Idee, dass Banken Geld aus dem Nichts schaffen können. Weil das den Professor für Bankwesen wurmte, tat der in Southampton lehrende Deutsche, was noch keiner getan hatte. Er testete und dokumentierte empirisch, was eine Bank macht, und was in ihren Büchern passiert, wenn sie Kredit gibt. Das Ergebnis erschien unter dem Titel „Can banks individually create money out of nothing? – The theories and the empirical evidence“ in der „International Review of Financial Analysis“.

Letztlich blieb als einzige mit dem Vorgehen und den Buchungsregeln der Bank zu vereinbarende These die Kreditgeldschöpfungsthese, wonach die Bank den Kredit einfach in Form von per Buchung geschaffenem Geld vergibt. Dazu passte, dass das Geld sofort gutgeschrieben wurde und zur Bezahlung von Rechnungen verwendet werden konnte, und auch, dass sich die Bilanz der Bank um den Kreditbetrag vergrößerte. Zusammen mit der Forderung der Bank an den Kreditkunden entstand das Guthaben des Kreditkunden auf dem Bankkonto. Letzteres ist nichts anderes als eine kurzfristige Forderung des Kreditnehmers an die Bank.“

Soweit N. Häring über die Arbeit von Richard Werner.

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Eine Frage, die mich schon länger umtreibt: Wenn Banken ihr Geld selber schöpfen können, wieso können die dann überhaupt pleitegehen? Hinweise dazu geben ein Artikel von Peter Bofinger in der ZEIT und die Leserkommentare hierzu:

http://www.zeit.de/2010/26/Geldschoepfung-Kredit

Z.B.:

http://www.zeit.de/2010/26/Geldschoepfung-Kredit?commentstart=17#cid-541894

Bei Flassbeck gab’s auch schon mal was über Geldschöpfung:

http://www.flassbeck-economics.de/die-unverstandene-welt-der-banken-teil-1/

http://www.flassbeck-economics.de/die-unverstandene-welt-der-banken-teil-2/

„Banken zeichnen sich dadurch aus, dass sie Geld auf der Grundlage eines Darlehensvertrags emittieren. Eine Bank kann folglich nur dann Geld schaffen, wenn ein Wirtschaftssubjekt bereit ist, sich bei ihr zu verschulden.“

Beispiel Autokauf auf Pump: Im einfachsten Fall haben der Käufer (= Kreditnehmer) und der Händler ihre Konten bei der gleichen Bank:

„Wenn […] im Falle unseres Beispiels sowohl der Darlehensnehmer, der mit der Darlehenssumme ein Auto bezahlen möchte, als auch der Autoverkäufer sein Konto bei der gleichen Bank haben, dann werden keine Reserven benötigt.“

Wenn die Konten bei verschiedenen Banken sind stellt sich die Frage:

„Wo bekommt Bank A nun die Reserven her, die sie Bank B schuldet, aber nicht hat? Sie könnte sich u.a. auf dem Interbankenmarkt Reserven von anderen Banken leihen oder aber ihre Wertpapiere im Rahmen eines sog. Wertpapierpensionsgeschäfts für eine befristete Zeit an die Zentralbank verkaufen. Dabei verpflichtet sie sich, die Papiere nach einer bestimmten Zeit wieder zu einem festgelegten Preis zurückzukaufen.“

Das wird noch anhand einer Bilanz mit Aktiva und Passiva erklärt, ist aber fürs Verständnis unnötiger Ballast.

Theory of the Monetary Circuit:
Durch Banken emittiertes Geld zeichnet sich dadurch aus, „dass es einen Kreislauf mit drei Phasen durchläuft, die sich wie folgt in den Bilanzen der Banken niederschlagen: In der ersten Phase – der Schaffung von Geld durch die Vergabe eines Darlehens – wird auf der Aktivseite der Bank ein Darlehen eingebucht und auf der Passivseite auf dem Girokonto des Darlehensnehmers eine betragsmäßig gleich hohe Gutschrift. In der zweiten Phase wird das so geschaffene Geld für den Kauf von Produktionsfaktoren verwendet. In der Bilanz der Banken schlägt sich das in einer Gutschrift des einen Kunden (des Verkäufers der Produktionsfaktoren) und einer betragsmäßig gleich hohen Lastschrift des anderen Kunden (des Darlehensnehmers und Investors) nieder (für den Fall, dass die beiden Wirtschaftssubjekte bei derselben Bank Kunde sind). In der dritten Phase schließlich kommt es zur Rückzahlung des Darlehens, was sich buchhalterisch in einer betragsmäßig gleichen Reduktion des ausstehenden Darlehensbetrags und des Guthabens des Darlehensnehmers niederschlägt. Um diesen Kreislauf aufrechtzuerhalten, muss daher aber wiederum irgendwo im System Geld geschöpft werden. Denn nur dann kann der Käufer die vom Darlehensnehmer/Investor produzierten Wirtschaftsgüter auch bezahlen und kann aus diesen Erlösen dann das Darlehen zurückbezahlt werden. Der Geldkreislauf wird damit aber unterbrochen, wenn keine Nachschuldner gefunden werden können.“

Jetzt ist auch klar, wie Bankenkrisen entstehen bzw. warum Banken pleitegehen können:

– Wenn der Interbankenmarkt gestört ist, d.h. kein Zahlungsausgleich mehr erfolgen kann. (Einwurf: Aber hier müsste doch die Zentralbank aushelfen können?)

– Wenn keine Nachschuldner mehr gefunden werden

– Und der banale Fall: Wenn zu viele gleichzeitig ihre Kohle vom Konto abheben („Bankrun“)

– Ebenso banal: Wenn Kredite nicht mehr bedient werden

Aber wieso Letzteres, das ist doch nur FIAT Money, ein aus dem Nichts geschaffenes Nichts, das einzige „echte“ Geld ist die lächerliche Mindestreserve von 1%…? Eben nicht – dazu nochmal das einfache 3-Personen-Modell: Ich + Autohändler + Bank. Ich mache Schulden, Autohändler kriegt Gutschrift auf Konto, ich bekomme das Auto. Aber ich zahle den Kredit nicht ab, fahre das Auto zu Schrott, Händler will Geld abheben, und sei’s nur ganz wenig => Schon ist die Bank zahlungsunfähig, also pleite (wenn ich der einzige Kund der Bank bin und sie keine Reserven hat).

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Weitere Links:

Ankauf von Aktiva
Geschäftsbanken ist es erlaubt, Anlagevermögen (Aktiva), wie z. B. Immobilien und Wertpapiere, anzukaufen und dem Verkäufer im Gegenzug eine Gutschrift in Höhe des Kaufpreises zu buchen. Dabei wird Buchgeld geschöpft (Bilanzverlängerung). Sofern die angekauften Wertpapiere notenbankfähig sind, können diese bei der Zentralbank gegen Zentralbankgeld (Refinanzierung) verpfändet werden. Verkauft eine Geschäftsbank Aktiva aus ihrem Bestand und belastet den Kaufpreis dem Guthaben des Käufers, verschwindet das von ihr zuvor geschöpfte und nun aus dem Bestand des privaten Erwerbers (zurück) erhaltene Buchgeld wieder aus dem Wirtschaftskreislauf (Bilanzverkürzung).

https://de.wikipedia.org/wiki/Giralgeldschöpfung#Ankauf_von_Aktiva

Beispiel 1: Die Bank erwirbt Sachvermögen, z.B. ein Gebäude, von einer Unternehmung im Werte von einer Million Geldeinheiten (GE) und zahlt mit Sichtforderungen auf sich selbst. In der Bankbilanz wird eine Zunahme von Sachvermögen und Sichteinlagen gebucht, es kommt zu einer Bilanzverlängerung; in der Bilanz der Unternehmen findet dagegen ein Aktivtausch statt.

Der Ankauf von Sachvermögen durch die Bank führt also in dem Beispiel zu einer Erhöhung der Geldmenge (Geldschöpfung) in Form von Giralgeld. Das umgekehrte Ergebnis (also eine Geldvernichtung) stellt sich ein, wenn die Bank Sachvermögen veräußert und mit Sichtguthaben bei der Bank bezahlt wird (Buchung 1 b).

http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=242896

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Immer wieder werden wir gefragt, was wir von der These halten, dass es die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken nicht gäbe. Die gängigsten Argumente, mit denen man die Giralgeldschöpfung widerlegen möchte, lauten, dass Giralgeld kein richtiges Geld sei, dass man es in den Bankbilanzen nicht erkennen könne und dass Banken niemals in eine Krise geraten würden, wenn sie sich durch selbst geschöpftes Geld beliebig bereichern könnten.

Auf den ersten Blick ist diese These sogar richtig und in sich schlüssig, allerdings nur wenn man die Begriffe Giralgeld und Giralgeldschöpfung vorher falsch definiert. Selbstverständlich findet keine Giralgeldschöpfung in der Form statt, dass Banken ihr selbst erzeugtes Giralgeld als eigenes Guthaben oder als Gewinn verbuchen. Oder anders ausgedrückt, es erscheint in der Bankbilanz natürlich nicht in der eigenen Kasse, weshalb es auch eine Selbstverständlichkeit ist, dass man es dort nicht findet.

An Aussagen wie, man könne doch nichts verleihen, was man nicht hat, erkennt man, dass die Leugnung der Giralgeldschöpfung nur dann gelingt, wenn man Begriffe ungenau bzw. falsch definiert. Selbstverständlich verleihen Banken kein Geld, das sie nicht haben, sie geben Kredit. Geld verleihen und Kredit geben sind zwei völlig verschiedene Dinge:

Man kann z.B. jemandem 10 Euro leihen, wenn man 10 Euro besitzt. Man kann aber auch jemandem 10 Euro Kredit geben, ohne diesen Betrag zu besitzen, indem man beispielsweise etwas verkauft und der Käufer einem verspricht, später zu bezahlen. Genau das machen auch die Banken. Sie gewähren einen bestimmten Betrag als Kredit an einen Kreditnehmer, und dieser verspricht, später zu bezahlen. Banken verleihen kein Geld. Sie geben Kredit, gedeckt durch ein Rückzahlungsversprechen und die Mindestreserve.

Die Bundesbank selbst beschreibt den Prozess der Giralgeldschöpfung wie folgt: „Wenn eine Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit gewährt, dann bucht sie in ihrer Bilanz auf der Aktivseite eine Kreditforderung gegenüber dem Kunden ein – beispielsweise 100.000 Euro. Gleichzeitig schreibt die Bank dem Kunden auf dessen Girokonto, das auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird, 100.000 Euro gut. Diese Gutschrift erhöht die Einlagen des Kunden auf seinem Girokonto – es entsteht Giralgeld, das die Geldmenge erhöht.“
Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_gesamt.pdf (Seite 88 ff., Stand: August 2009*)
*Achtung: Die Bundesbank hat die entscheidende Passage inzwischen komplett anders formuliert. Die Aussagen sind zwar inhaltlich identisch, jedoch nun weniger verständlich ausgedrückt und ohne das anschauliche Beispiel. Frühere Version siehe: geld2_gesamt.pdf (Seite 88 ff., Stand: August 2009)

http://www.wissensmanufaktur.net/media/pdf/geld2_gesamt.pdf

http://www.wissensmanufaktur.net/giralgeldschoepfung

Mehr über Richard Werner:

Buchrezension über Richard Werners „Neue Wirtschaftspolitik“:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=3662

Das Buch bei Amazon:

http://www.amazon.de/Neue-Wirtschaftspolitik-Europa-Japans-Fehlern/dp/3800632470/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1437328355&sr=8-1&keywords=richard+werner

Der Autor im Interview:

Sehr interessant! Prof. Werner spricht über seine Studien in Japan zur dortigen Finanzkrise (ausgelöst durch eine Immobilienblase – ach nee! – in den 80ern ), den dortigen (von außen aufgezwungenen?) Kurswechsel der Zentralbankpolitik, und er zieht Parallelen zum Übergang von der Bundesbank (die er sehr positiv bewertet) zur EZB.

Dokumentation: Princes of the Yen

Japan hatte zu seiner „Wirtschaftswunderzeit“ nach dem Krieg eine Art Planwirtschaft, basierend auf gelenkter Kreditvergabe (sog. „Window Guidance“) durch die Zentralbank (BoJ) unter der Regie des Finanzministeriums. In den 80ern wurde dann durch Fehllenkung dieser Kredite eine Immobilienblase erzeugt mit anschließender Bankenkrise, für die das Finanzministerium verantwortlich gemacht wurde. In der Folge wurde das Finanzministerium quasi entmachtet und die BoJ wurde „unabhängig“. Werner sieht darin einen geplanten Vorgang, um – entsprechend dem angloamerikanischem Vorbild – das Land für Shareholder Value zu öffnen.
Ähnlich lief’s gemäß der Doku in den Tigerstaaten ab; am Schluss des Films werden Parallelen gezogen zur Eurokrise. Getreu dem Motto: Grundlegende Änderungen in (einigermaßen funktionierenden) Systemen entstehen nur infolge von Krisen, also werden Krisen wenn nötig künstlich erzeugt.

Man kann in dem Zusammenhang auch mal darüber nachdenken, warum die Griechenlandkrise uns schon über 5 Jahre lang beschäftigt, ohne dass ein Ende abzusehen ist.